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Auszeiten vom Motordrama

Das Beste am Boots- und Werftleben in Kanada ist, dass man trotz allem Chaos nie ganz alleine ist.  Im Shining Waters Boatyard gibt's ein eisernes Gesetz: das allabendliche „Afterwork Beer“.

Wir treffen uns mit unseren mittlerweile richtig guten Freunden: Mike und Shirley und Marilou. Die Verbundenheit kommt nicht von ungefähr – wir sind alle Alubootsegler und teilen das gleiche Schicksal. Mike und Shirley sind die stolzen Eigner von Pelerin, einer Ovni 435, die über die Homepage Morgens Cloud Berühmtheit erlangt hat.  Gemeinsam sitzen wir im Juli immer noch unerbittlich an Land! Sowas verbindet!

Mit Blick auf die Stege und die weite St. Margaret’s Bay sitzen wir abends zusammen, tauschen uns über Motoren, Schweißnähte, Schleifen und Streichen aus, genießen die fantastische Aussicht und lassen den  ganzen Werft-Frust des Tages von uns abfallen. Geteiltes Leid ist eben halbes Leid. Genau diese lockere, typisch kanadische Mentalität und die großartige Gemeinschaft retten uns gerade über die Wartezeit. Wir lachen gemeinsam über das Werft-Chaos und schmieden Pläne für den Moment, wenn wir endlich alle wieder die Segel setzen dürfen!

Anfangs der Saison waren die Runden noch bissi größer... 

St. Margarets Bay mit den Stegen von Shining Waters
St. Margarets Bay mit den Stegen von Shining Waters

Im historischen Lunenburg treffen wir  belgische Freunde - Las und Heidi. Wir kennen uns aus Island und sind einander auch letztes Jahr in Neufundland wieder über den Weg gesegelt. Sie liegen mit ihrer schönen "Pat Panick", einer Koopmans 42 aus Alu (was sonst?), auf der dortigen Werft. Als wir ihr Drama hören, relativiert sich unseres ein bisschen: Pat Panick bekommt einen kompletten neuen Kiel angeschweißt und der Kostenvoranschlag hat sich bereits verdreifacht!

 

Bei kaltem Bier, den besten Fish & Chips der Küste und grandioser Aussicht trösten wir uns gegenseitig, 

Lunenburg ist nicht  nur ein hübsches historisches Städtchen an der Southshore von Nova Scotia, sondern auch Heimathafen der berühmten Bluenose II - Kanadas schwimmender Legende.

unser Autokennzeichen in Nova Scotia
unser Autokennzeichen in Nova Scotia

Sie ist der detailgetreue Nachbau des schnellsten Fischtrawlers des Nordatlantiks - der Original Bluenose aus 1921 - und das stolze Wahrzeichen von Nova Scotia. Das Original dominierte fast zwei Jahrzehnte lang ungeschlagen die International Fishermen's Trophy und war gleichzeitig ein hart arbeitendes Fischerboot. Die Einwohner der Provinz  Nova Scotia sind so stolz auf dieses maritime Erbe, dass sie sich selbst als „Bluenosers“ bezeichnen. Die Silhouette der Bluenose II, ziert nicht nur die kanadische 10-Cent-Münze, sondern auch die Autokennzeichen von Nova Scotia.

Wir gönnen uns einige Tage der absoluten Ablenkung, wandern zum Castle Rock, genießen die raue Postkartenidylle in Peggy’s Cove und bestaunen in der Bay of Fundy die faszinierende Tidal Bore  – jene  einzigartige Gezeitenwelle, die Flüsse rückwärts fließen lässt.

besonders berührend - diese anklagenden Augenprothesen
besonders berührend - diese anklagenden Augenprothesen

Im Halifax Maritime Museum tauchen wir in die Geschichte ein. Besonders in die packende Abteilung über die verheerende Große Explosion im Hafen von Halifax von 1917. Ein verheerender Zusammenstoß zweier Schiffe im Hafen von Halifax – eines davon randvoll mit Tonnen von Munition – führte zu der größten von Menschen verursachten Explosion der Geschichte vor dem Abwurf der Atombombe auf Hiroshima.

 

1700 Menschen starben augenblicklich, viele weitere Tausende erlitten Verletzungen - vor allem an den Augen, weil  hunderte Schaulustige an die Fenster eilten, um den brennenden Munitionsfrachter im Hafen zu beobachten. Als das Schiff explodierte, barsten die Fensterscheiben in der gesamten Stadt. Die Glassplitter wirkten wie tödliche Geschosse.

  

Diese schiere Masse an Sehbehinderungen erforderte eine große Zahl an Augenprothesen, die vor allem aus Deutschland und USA importiert werden mussten. 

Das Museum würdigt auch die Leistungen von kleinen Segelbooten der jüngeren Geschichte. Neben Joshua Slocum gibt es einen Bereich der John Hughes gewidmet ist. Jenem Mann, der als erste Kanadier in den 1980ern einhand um die Welt gesegelt ist. Zurück im Bootyard steht genau dieser John Hughes leibhaftig vor uns. Direkt neben unserer Stravanza bereitet er seinen Dragon-Fly Trimaran für die Sommersaison vor. Schnell ergibt sich ein Gespräch und ein gemeinsames Bier auf der Terrasse der Salt Box Brewery (hab ich schon erwähnt, dass in unserem Boatyard eine Brauerei steht?) Geschichte, Abenteuer, schöne Begegnungen mit Menschen und ein atemberaubender Sonnenuntergang.

Langweilig ist uns jedenfalls nicht. Irgendwas tut sich immer. Sei es, dass uns Freunde aus New York City besuchen kommen, ihren Urlaub in einem Traumhaus neben der Werft verbringen und uns köstlichst bekochen. Oder Marilou aus Schottland und ihre kanadische Freundin Lara, uns Gestrandete zu einem Wahnsinns-Lobster-Dinner samt Tutorial "how to eat a lobster" einladen. Oder der österreichische Kat Doucema mit Gerry und Gitti aus Wien, ein paar Tage in der Marina liegt und wir Abende durchplaudern können "wie uns der Schnabel gewachsen ist".  Wir lauschen Konzerten in unserer Brauerei und gehen ins Kino. Der einsame David von Steg 3 verwöhnt uns mit Seafood-Chowder und wir feiern Geburtstag mit Las. Nina und Thomas sind mit ihrer Maribel schon in Boston und schreiben uns zweimal die Woche, dass wir den ganzen Schmarrn hier eine Zeit  vergessen sollen und zu ihnen segeln kommen sollen.... Das alles tut so gut und tröstet uns über den verpatzten Sommer hinweg.

Mittlerweile ist der Boatyard ziemlich leer.  Alle sind segeln. Tim - Herr über den hiesigen Travellift, versichert uns jeden Tag, dass er uns auch noch in Wasser bringt – "you`ll see!".....

 

Auch das Schreiben dieses Blogs an diesem wunderschönen Platz, hilft.